Die Tonbandgerätewerkstatt, Tonbandgeräte Reparatur und Wartung

A77

 

In vielerlei Hinsicht sind die Maschinen der A800er Serie eine technische Weiterentwicklung, jeweils basierend auf der in dieser Zeit zur Verfügung stehenden Technik.

Die Antriebstechnik

Die Capstanantriebe...
... waren bei der A810 noch in Form der Asynchron-Außenläufer mit Phasenschieberkondensator und Spannungsverstellung bei konstanter Speisefrequenz (50Hz) realisiert, so wie bei nahezu allen Studer und Revox Maschinen zuvor. Immerhin hat man z.B. bei der A810 mit dieser Technik vier Geschwindigkeiten zuverlässig realisiert. Im Gegensatz zu allen Vorgängermaschinen erfolgt eine elektrische Abbremsung des Motors (Gleichstrombremsung), wenn man auf eine kleinere Geschwindigkeit schaltet.
Die nachfolgenden Maschinen wie A812, 820 und am Ende die A807 haben im Capstanantrieb einen elektronisch kommutierten Motor (Blockkommutierung mit variabler Speisespannung aus einem Schaltnetzteil) mit sehr geringer Schwungmasse. Diese Motoren können innerhalb ca. 200ms vom Stillstand auf Nenndrehzahl hochlaufen. Damit war es erstmals möglich, den Playvorgang so zu starten, dass zunächst die Andruckrolle das stehende Band an die stehende Capstanwelle drückt und die Capstanwelle dann das Band beschleunigt. Bei genauer Betrachtung drücken ja ansonsten die Andruckrollen immer ein stehendes Band an eine laufende Capstanwelle, die dann eine kleine Schleifspur auf dem Band erzeugt.

Die Wickelantriebe...
... waren bei der A810 ebenfalls noch in der klassischen Asynchron-Außenläufertechnik mit Phasenschieberkondensator und Spannungsverstellung gehalten.
Die nachfolgenden Maschinen wie A812 und am Ende die A807 haben jeweils dreiphasige Asynchronmotoren, die über Frequenzumrichter gespeist werden. Diese Technik erhöht den Wirkungsgrad der Antriebe und erlaubt u.a. deutlich höhere Wickelgeschwindigkeiten. Die A820 hat Gleichstrom-Kommutatormotoren in Scheibenläuferbauform.
Während z.B. eine B67 oder eine A810 mit grob 6m/s wickeln können, legt die A812 mit 12m/s schon ein deutlich höheres Tempo vor, noch übertroffen von der A820 mit 15m/s.

Wie bei Studiomaschinen üblich gab, es eine große Zahl an Varianten bezüglich der Geschwindigkeiten, der Bedienelemente und z.T. der Transportierbarkeit.

Die A807 und A810 waren mit Seitenteilen aus Holz und stabilen Tragegriffen noch tragbar. Ebenso gab es fahrbare Konsolen. Viele Maschinen waren ganz ohne Aussteuerungspotentiometer und auch ohne VU-Meter (Bedienung übers Mischpult), einige hatten diese Teile unten eingebaut, einige oben in der VU-Meterbrücke.
Die A812, A816 und A820 gab es nicht mehr als tragbare Varianten, die standen in der Regel auf eigenen Rädern.

Die A800er Maschinen konnten mit NAB und CCIR Entzerrung betrieben werden und Parameter für zwei Bandsorten abspeichern.

Die A810 und A812 verfügen wie die B67 MK II über eine zweistufige mechanische Bremse und eine automatische Arretierung der Bandzugwaagen. Beim Einlegen eines Bandes erkennen diese Maschinen, dass eine Bandzugwaage kurz bewegt wird und öffnen die erste Stufe der mech. Bremse. Dadurch kann das Band auch von kleinen Wickeldurchmessern mit wenig Kraft gezogen werden. Zusätzlich werden die Bandzugwaagen arretiert, sodass einem bei einer kurzen Unachtsamkeit das Band nicht durch die Federkraft der Bandzugwaagen aus den Fingern gezogen wird.
Die A807 hat wiederum nur die "einstufige" Bremse und keine Arretierung der Bandzugwaage.
Die A820 erkennt, dass ein Band eingelegt wird und unterstützt sogar das Abziehen des Bandes vom Wickel, indem die Bremse der Abwickelseite öffnet und der Motor nur noch mit geringem Drehmoment dagegen hält.

Die Bandzugregelung...
arbeitet im Prinzip immer gleich. Es wird die Position einer beweglichen Rolle gemessen und ausgeregelt, die mittels Federkraft nach unten gezogen wird (bei der A820 nach oben). Eine definiert ausgeregelte Lage der Rolle ist somit gleichbedeutend mit einer definierten Zugkraft im Band. Die A807, 810 und 812 regeln mittels Asynchronmotoren in den Wickelantrieben und sind daher nicht allzu dynamisch. Die Regelabweichungen beeinflussen direkt die Spannungsvorgabe für die Motoren. Das Regelverhalten ist eher als gutmütig zu beschreiben.
Die Gleichstrommotoren der A820 erlauben eine wesentlich höhere Dynamik. Dem Lageregelkreis der Bandzugwaagen ist ein Stromregelkreis der Wickelmotoren unterlagert. Das ist Antriebstechnik, wie aus dem Lehrbuch.
Hinzu kommt eine Drehmomentsollwertvorgabe, die jeweils mit dem aktuell berechneten Wickeldurchmesser bewertet wird.
Ein mechanisches Spiel in ausgeleierten Dreizackaufnahmen von Kunststoffspulen mag die Maschine überhaupt nicht. Die Bandzugregelung ist derart dynamisch, dass sie sogar dieses Spiel versucht, auszuregeln.
Die Antriebe können in allen vier Quadranten der M-n- Kennlinie arbeiten, also beim Bremsen auch Energie zurück speisen. Nur so ist es möglich, dass z.B. der linke Wickel beim Play-Start nicht alleine durch den Zug im Band beschleunigt wird, sondern indem der linke Wickelantrieb helfen kann, die träge Masse zu beschleunigen (also Drehmoment im Gegenuhrzeigersinn!). Alle Bandzuregelungen mit Asynchronantrieben können höchstens das Gegenhaltemoment auf Null zurück nehmen, der Wickel muss immer durch das Band beschleunigt werden.
Die A807 hat als einzige Maschine nur eine Bandzugwaage. Wer aber meint, dies wäre ein Mangel, der kennt die Arbeitsweise der Zugkraftregelung nicht. Die A807 ermittelt permanent anhand der Drehzahlen beider Wickelantriebe das Durchmesserverhältnis der beiden Wickel. Insofern können die Drehmomente beider Antriebe sinnvoll vorgegeben werden, obwohl nur an einer Stelle eine Zugkraft gemessen wird.

 

Die Studer A810

... stand ziemlich am Anfang der A800er Entwicklungen. Wie gewohnt alles extrem robust gebaut. Obwohl der Innenraum recht voll ist, ist alles gut demontierbar und daher servicefreundlich.
Alle Abgleicharbeiten erfolgen über eine kleine Tastatur, die hinter der hochklappbaren Front zu finden ist. Die Speicherung der Parameter erfolgt in batteriegestützten RAMs.

Hier eine Variante ohne Potis und VU-Meter.

A810 A810

Gewicht ca. 30kg. Bedienungs- und Servicemanual 465 Seiten!

Hier ein Foto der Version mit VU-Metern und Bedienelementen. Diese ist heute die gesuchteste Version und wird im Bereich von über 4000€ gehandelt.

A810 Vollausstattung

Viele A810 sind ohne Seitenteile im Umlauf. Für diese Maschine habe ich welche nachgefertigt.
Weitere Informationen siehe hier.

Optisch sehr nahe an den Originalen!

 

Die Studer A812

... kam etwas später als die A810 und ist bezüglich der Antriebstechnik schon auf dem Stand der A807 und der A820.

Hier in einer Monoausführung mit VU-Meterbrücke:

A812 A812

Ein ganz gewaltiger Brummer, eingebaut in einer fahrbaren Konsole. Max. Wickeldurchmesser 30cm.
Maschine nach vorne und hinten schwenkbar. An der Vorderkante gepolsterte und mit Leder bezogene Armauflage für den sitzenden Bediener. Innenleben gut zugänglich.
Alles über eine abdeckbare Tastatur programmierbar. Die Speicherung der Parameter erfolgt in batteriegestützten RAMs.
Alleine die Maschine wiegt 43kg, mit der Konsole kommen über 80kg zusammen.
Bedienungs- und Servicemanual (MK I) 654 Seiten!


Die Studer A820

Ein Traum. Noch breiter und noch schwerer als die A812. Mehr ist auf dem Gebiet der analogen Bandaufnahmetechnik kaum vorstellbar. Hier wurden alle Register gezogen. Das Maß aller Dinge.

Eines der offiziellen Studer-Bilder:

A820

Man beachte, wie viel Platz da noch zwischen den beiden 26er Spulen frei ist.

Wenn man erfahrenen Maschinenbau- und Elektroingenieuren die Aufgabe stellt, eine Bandmaschine zu bauen, die alles Bisherige in den Schatten stellt, dann entsteht eine solche Meisterleistung.
Die A820 vereint präziseste und solideste Mechanik mit ausgefeiltem elektronischem Schaltungsdesign und ist zudem vom äußeren Erscheinungsbild her unerreicht schön.
Wer jemals die Gelegenheit hatte, eine solche Maschine von Grund auf zu überholen, wer also jedes Einzelteil und jede der über 50 Baugruppen schon mal aus- und wieder eingebaut hat, der kann erst ermessen, welches Qualitätsdenken, welches Know-How und welches Streben nach Perfektion bis ins letzte Detail dort vorhanden waren, wo solche Produkte auf weltweitem Spitzenniveau entstanden.
Gegenüber solch einer Maschine gibt sich nahezu alles, was heute im Audiobereich produziert und in dieser Preislage verkauft wird, der Lächerlichkeit preis.

Ürbrigens: Die A820 und die A80 wurden von Fa. Studer als Mastermaschinen gekennzeichnet.
Die A807, A810, A812 tragen nicht eine solche Bezeichnung, obwohl sie fast alles in den Schatten stellen, was sonst so auf dem Markt war und ist.
Zur Erstellung von Masterbändern ist allerhöchste Präzision erforderlich.
Ich bin nicht sicher, ob jeder, der heute für viel Geld sogenannte Masterbandkopien verkauft, auf eine A80 oder A820 zurück greifen kann.

Gegenüber der A820 wirken selbst die Schwergewichte B67, A807, A810 fast schon klein und handlich.
Selbstverständlich steht die Maschine auf eigenen Rädern. Zum Transport über Treppenstufen sollten alerdings 4 Mann zupacken. Man muss sich aber keine Gedanken darüber machen, wie man die ca. 120kg auf seine Werkbank wuchtet. Die A820 verbleibt für alle Arbeiten auf ihrem Fahrgestell.

Rundum können alle Verkleidungsteile bequem entfernt werden, die gesamte Maschine ist nach vorne und hinten schwenkbar. Der gesamte Innenraum ist leicht zugänglich, nachdem der große, unten hängende Baugruppenträger nach unten weg geschwenkt ist. Mehr als 20 Platinen sind alleine im Einschubkasten gesteckt, etliche weitere im Innenraum leicht demontierbar. Wie man es von Studer-Maschinen kennt, steht eine saubere, ausführliche Dokumentation zur Verfügung.

Innerhalb weniger Minuten ist alles frei zugänglich:

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Die Montageplatte ist vielfach verrippt und ca. 45mm dick.

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Hinten ein riesiges Netzteil mit zwei Trafos und innen ein breiter Kabelkanal, alles sehr aufgeräumt.

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Da kann man zur Fehlersuche auch mal bequem ein Oszi mitten rein stellen.

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18er Spulen sehen winzig aus auf dieser riesigen Maschine

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Alle Rollen, auch die Andruckrolle laufen kugelgelagert. Keramische Führungen beiderseits der Köpfe.

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Man ist einige Tage lang beschäftigt, bis man eine A820 komplett überholt hat und es fällt eine beachtliche Menge an Material an, ca. 130 Einzelteile:

Material A820

Um noch einmal die schiere Größe zu demonstrieren, hier ein Foto der Frontplatten (nur die oberen Teile, ohne Bedienfelder) A820 im Vergleich zu Revox B77:

A820 und B77 Fronten

 

 

Die Studer A807

... war die letzte und damit modernste Maschine in der Entwicklungsgeschichte.

Hier ebenfalls eine Variante ohne Potis und VU-Meter.

A807 A807

Alle Abgleicharbeiten erfolgen über die Tastatur, sodass ein Öffnen der Front nicht nötig ist.
Die Speicherung der Parameter erfolgt in EEPROMs, also ohne Batterie.
Von hinten das aufgeräumte Erscheinungsbild, das man von Studer kennt. Die Platine, die das Netzteil und die zentrale Steuerung enthält, ist schwenkbar montiert. Davor sieht man die beiden Platinen zur Speisung der Motoren. Auch diese können mit wenigen Handgriffen demontiert werden.

A807 A807

Die gesamte Signalelektronik befindet sich im unteren Bereich, der heraus gezogen werden kann.
Linker und rechter Kanal sind auf je einer Platine untergebracht, die ihrerseits in der Basisplatine eingesteckt und daher leicht herausnehmbar sind.

A807

Das Servicemanual beschreibt über 20 verschiedene Varianten der A807.
Man täuscht sich, wenn man meint, die A807 wirke etwas zierlicher als z.B. die A810.
Auch die A807 hat ein Gewicht von 30kg. Bedienungs- und Servicemanual (MK II) 591 Seiten!

Wenn man eine A807 komplett überholt und alle Elkos austauscht, kommt einiges zusammen:

A807 Teile Etwa 130 Elkos und verschiedene andere Teile.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 23.07.20

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