Die Tonbandgerätewerkstatt, Tonbandgeräte Reparatur und Wartung

 

 

 

B77

Reparatur, Instandsetzung, Generalüberholung, Revision, Veredelung usw.

Es gibt allgemein eine große Unsicherheit darüber, was diese Begriffe bedeuten.
Nirgendwo wurden diese Begriffe jemals genormt, was wohl auch kaum möglich sein wird.
Die folgende Ausführungen sind meine Art, die Begriffe zu erklären.

Die ersten drei Begriffe stammen aus dem handwerklichen bzw. technischen Wortschatz, der vierte Begriff streift den Bereich von Geschmacksfragen, Placeboeffekten und Esoterik.

Reparaturen bzw. Instandsetzungen

Generalüberholungen bzw. Revisionen

Sogenannte Veredelungen

 

Was ist eine Reparatur bzw. Instandsetzung?

Eine Reparatur ist die Arbeit, die aus einem defekten Produkt wieder ein intaktes Produkt macht. In der Regel werden bei Reparaturen momentan defekte Teile durch intakte Teile ersetzt. Die intakten Teile können Neuteile sein oder gut erhaltene Gebrauchtteile, falls es gar keine Neuteile mehr gibt. Meistens beschränkt man sich bei einer Reparatur aus Zeit- und Kostengründen auf die zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Defekte, wohl wissend, dass aufgrund des Alters in absehbarer Zeit weitere Teile ausfallen könnten.

 

Was ist eine Generalüberholung bzw. Revision?

Ein 30...40 Jahre altes Tonbandgerät ist kein Neugerät mehr. Es ist einerseits gealtert und andererseits mehr oder weniger abgenutzt.
Unter der Abnutzung versteht man den tatsächlichen Materialverschleiß, z.B. den Abschliff an den Tonköpfen oder an Schalterkontakten.
Die Abnutzung hängt unmittelbar von der Nutzungsdauer des Gerätes ab.
Unter Alterung versteht man die Veränderung physikalischer und chemischer Eigenschaften von Materialien, z.B. die Versprödung von Gummiteilen oder das Austrocknen von Elektrolytkondensatoren. Diese Alterungsprozesse laufen ab, ob ein Gerät viel oder wenig benutzt wurde.
Erfahrungsgemäß ist ab einem Alter von 25 Jahren mit ausgetrockneten Kondensatoren und spröden Gummiteilen zu rechnen.

Es mag durchaus sein, dass ein Gerät dieses Alters heute einwandfrei funktioniert, aber schon morgen kann es ausfallen, oder nächste Woche, nächsten Monat oder im nächsten Jahr. Dies lässt sich nicht vorhersagen.

Bei einer Generalüberholung (auch Revision genannt) werden grundsätzlich alle Teile ersetzt die einer Alterung unterliegen, sodass man in den nächsten 25 Jahren keinen Ausfall befürchten muss. Zudem sind die heute verfügbaren Teile qualitativ noch besser als die in den 70er Jahren verbauten Teile.

Wer legt fest, welche Teile im Rahmen einer Generalüberholung auszutauschen sind?

Die Antwort ist zunächst ernüchternd: Niemand.
Keiner der Hersteller hat vor 40 Jahren daran gedacht, dass die Geräte nach so langer Zeit noch im Einsatz sind, sich sogar wieder steigender Beliebtheit erfreuen. Kein Hersteller hat jemals in seinen Serviceunterlagen aufgeschrieben, welche Teile nach 4 Jahrzehnten wahrscheinlich auszufallen drohen.

Wer sich heute ernsthaft mit solchen Revisionen beschäftigt, macht alles basierend auf dem, was technische Literatur oder Bauteilespezifikationen hergeben und vor allen Dingen aus Erfahrung. Es ist allgemein bekannt, dass Aluminium-Elektrolytkondensatoren einem Alterungsprozess unterworfen sind (Austrocknung), dass Gummiteile z.B. die Weichmacher verlieren usw. Wer aber genügend Geräte in Händen hatte, der kennt aber auch andere immer wieder ausfallende Teile, über die in der technischen Literatur nichts steht bezüglich Alterungsprozessen. Je mehr Geräte man gründlich überholt hat, umso mehr Erfahrung hat man gesammelt und man lernt von Jahr zu Jahr noch etwas dazu.
Wer 5 Bauteile austauscht und dies als "vom Verkäufer generalüberholt" (oft bei Ebay zu sehen) deklariert, ist nicht ernst zu nehmen.
Man kann diese Formulierung sogar als grobe Täuschung ansehen.

Welche Teile sind betroffen, z.B. bei Revox A77 oder B77?

Betroffen sind folgende Teile:
Die Alu-Elektrolytkondensatoren, je nach Modell 35...40St. bei der A77, über 80St bei einer B77 MK II, ähnlich viele Tantalelkos sowie einige Entstörkondensatoren.
Die Zählwerksriemen, je nach Modell 1 oder 2 St. bei der A77, 2St. bei der B77.
Die Abgleichpotentiometer, 17St. bei A77 und B77.

Weiterhin werden verschlissene Teile ersetzt.Betroffen sind:
Die Schalterkontakte, 19St. bei der A77 10St. bei der B77
Die Glühbirnen, 5St. bei der A77, 2St. bei der B77
Das Bandeinlauflager, ggf. die Lager der Wickelmotoren

Grundsätzlich werden
- die Geräte außen und innen gründlich gereinigt
- bewegliche Teile frisch geölt bzw. gefettet
- alle Metallteile der Bandführung entmagnetisiert
- die Bremsen gereinigt, nachgemessen und ggf. nachjustiert
- die Drehmomente der Wickelmotoren kontrolliert
- die Anpresskraft der Andruckrolle kontrolliert und ggf. nachjustiert
- die Bandgeschwindigkeiten kontrolliert und ggf. nachjustiert
- der Gleichlauf (Wow und Flutter) kontrolliert und ggf. korrigiert
- die Tonköpfe neu justiert
- alle Abgleichpotentiometer neu eingestellt
(Einmessen auf LPR35, LPR90, Maxell UD, Maxell XLI, LGR50, SM468, SM900, SM911, PER 528 oder Kundenband)
- die Frequenzgänge nachgemessen und eingestellt
- die elektrische Sicherheit gemäß VDE0701/0702 überprüft.

Prinzipiell wäre es auch konsequent, die Tonköpfe auszutauschen, auch dort ist Abnutzung erkennbar. Gut erhaltene oder gar neue Tonköpfe sind heute aber recht teuer geworden, übersteigen oft sogar den Anschaffungspreis einer gebrauchten A77 oder B77. Wer sein Bandgerät nicht gerade professionell im 8-Stundenbetrieb benutzen will, hat selbst mit gebrauchten Tonköpfen noch viele Jahre seine Freude. Wesentlich ist, ob man mit den vorandenen Köpfen noch den ursprünglichen Frequenzgang erzielen kann oder nicht. Durchschnittlich benutzte A77 Geräte zeigen heute einen Kopfspiegel (Breite der Fläche, auf der das Band heute aufliegt) von ca. 3mm. Diese Geräte bringen alle noch den ursprünglichen Frequenzgang und werden dies noch viele Jahre lang tun.

Die restliche Konstruktion ist besonders bei Revox Geräten derart robust und ausreichend dimensioniert, dass ihre Liebhaber "gebaut für die Ewigkeit" dazu sagen.

Generalüberholte Geräte entsprechen somit nahezu dem Neuzustand und werden definitiv noch Jahrzehnte laufen.

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Sogenannte Veredelungen bzw.
Muss man noch mehr tun?

Es gibt nur ganz wenige Details, nämlich Schaltungsverbesserungen, die Revox während der Serienproduktion durchgeführt hat, die man tatsächlich nachholen sollte. Diese zu erkennen und richtig zu realisieren, setzt allerdings das Verständnis der Schaltpläne voraus.

Sollte man vorsichtshalber Dioden oder Gleichrichter austauschen?

Es ist kein Schaden, aber die Ausfallrate an Dioden und Gleichrichtern ist so verschwindend gering, dass man das nicht vernünftig begründen kann.

Sollte man Transistoren austauschen?

Es ist unbestritten, dass Transistoren einen gewissen Anteil am Rauschen des Signales haben. Es ist auch klar, dass heutige Transistoren rauschärmer sind, als Transistoren aus den 60 Jahren. Dass aber gerade bei einem Tonbandgerät 90% des Rauschens vom Band kommen, also vom Prinzip der analogen Signalspeicherung auf Magnetband überhaupt, verdeutlicht, wie wenig es bringen kann, von den restlichen 10% noch einen Bruchteil durch Bauteiletausch wegzunehmen. Man macht aus 100% Rauschen eventuell 95% Rauschen.

Aus genau den gleichen Grund bringt es auch fast keine messbare Verbesserung, wenn man versucht, die interne Stromversorgung (Spannungsregler usw.) noch rauschärmer zu machen.

Wie man sich einen Eindruck davon machen kann, wie groß das Eigenrauschen der Elektronik ist und welchen Rauschanteil das Band erzeugt, beschreibt dieser einfache Versuch. (Auf den Link klicken!)

Sollte man die Ladeelkos von Endstufen vergrößern?

Ein Thema, das vom Bereich Tonband abweicht, aber genauso oft diskutiert wird, ist das Vergrößern der Lade-Elkos von Endstufen, z.B. A78, B750 oder B780.
Die Dauerleistung einer Endstufe (meist Sinusleistung genannt) ist eine thermisch definierte Größe. Die begrenzenden Faktoren sind die Dauerbelastbarkeit des Trafos, der Gleichrichter und der Endstufentransistoren. Alle diese Bauteile dürfen bestimmte Temperaturen nicht überschreiten, insbesondere die Halbleiter nicht. Größere Elkos können also nicht die Dauerleistung erhöhen, weil sie nichts an der Wärmeabfuhr ändern.
Die Kurzzeitleistung einer Endstufe (meist Musikleistung genannt), ist die Leistung, die sie kurzzeitig erzeugen kann ohne zu verzerren, also ohne dass die Sinuskurve oben oder unten gekappt wird. Dies wiederum hängt entscheidend von der Betriebsspannung der Endstufe ab. Natürlich ist es so, dass ein vergrößerter Elko die Spannung im Bereich von Millisekunden länger stützen kann, als der Serientyp. Dieser Puffervorteil besteht aber nur, wenn aus einer wenig großen mittleren Leistung heraus (= Elkos auf Maximalspannung geladen) plötzlich eine Lastspitze (z.B. Paukenschlag) mit Maximalleistung zu übertragen ist. Werden Lastspitzen bei ohnehin hoher mittlerer Leistung (= hohe Durchschnittslautstärke) gefordert, kommt nicht mehr Leistung als mit den Serienelkos, weil die Elkos gar nicht mehr auf ihre Maximalspannung kommen (Trafospannung geht in die Knie).

Es ist sogar so, dass größere Elkos mehr Nachteile als Vorteile haben. Wegen der höheren Kapazität erfolgt die Nachladung (an jedem Scheitelpunkt der Netz-Sinuskurve) über Trafo und Gleichrichter in kürzeren Zeitintervallen. Kürzere Zeitintervalle bedeuten höhere Effektivwerte der Ströme, also ganz klar mehr thermischer Stress für Trafos und Gleichrichter, genau genommen auch für die Sicherungen.
Mehr thermischer Stress heißt in der Elektronik immer schnellere Alterung.
Man gibt also Geld aus, um die Alterung seines Gerätes zu beschleunigen. Der Effekt ist nicht groß, aber es ist so.

Also: In die Geräte A78, B750 und B780 gehören 4 Stück 4.700µF hinein.
10.000µF bringen nichts, belasten aber die Gleichrichter stärker.

 

Sollte man interne Verkabelungen erneuern, z.B. mit sauerstofffreien Kupferleitungen?

Sauerstofffreies Kupfer wird von der Industrie hergestellt, weil es in der industrieellen Verarbeitung Vorteile hat. Die elektrische Leitfähigkeit unterscheidet sich nahezu gar nicht von der "normalen" Kupfers. Der Stromfluss von A nach B ist durch die wenigen Sauerstoffatome des "normalen" Kupfers nicht beeinträchtigt und es blubbert auch nicht, wenn ein Analogsignal durch ein "normales" Kupferkabel geleitet wird. Sinnloser kann man Geld nicht ausgeben, als für sauerstofffreie Signalleitungen.

 

Sollte man das rechte Bandführungslager (Bandauslauflager) umbauen von der festen Rolle zu einer drehbaren Rolle (A77 und B77)?

Es hat seinen Sinn, warum da eine feste Rolle ist, auch wenn es nicht jeder versteht. Meint jemand ernsthaft, Revox hätte bei einem so hochpreisigen Gerät gerade an dieser Stelle gespart? Wer mal den Kopfträger einer A700 genau betrachtet, wird vielleicht dahinter kommen, warum die A77 und B77 rechts keine bewegliche Rolle (Kugellager) haben. Wer die Sachen nicht verstanden hat, sollte generell alles lieber so lassen wie es ist.

Sollte man schaltungstechnische Verbesserungen nachrüsten, die ganz deutliche klangliche Vorteile versprechen?

Mir ist bisher keine einzige schaltungstechnische Verbesserung bekannt, die ganz deutliche klangliche Vorteile erzeugt. Man sieht hin und wieder solche Angebote an Umbauten oder Nachrüst- und Bypassbauteilen, die einiges versprechen, aber nicht mit technischen Daten belegen (weil es nichts zu belegen gibt).
Wenn man ganz einfach einmal bedenkt, dass Studer mit der A800er Serie sich an der technischen Weltspitze des Bandmaschinenbaus bewegt hat, wenn man die Schaltpläne versteht und dann sieht, dass nicht einmal in diesen hochkomplizierten Maschinen etwas derartiges zu finden ist wie die o.g. Umbauten und Nachrüstbauteile, muss man doch an deren Notwendigkeit und Wirksamkeit zweifeln.

Dies Überlegung kann und muss man noch weiter fortführen:
Wenn die Klangqualität auch nur im geringsten vom Netzanschlusskabel oder von Sicherungen abhängig wäre, meint jemand ernsthaft, die Entwickler von Studer hätten das übersehen und aus Ignoranz Standardsicherungen und Standardkabel verwendet?

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Generalüberholung japanischer Geräte

So ansprechend die japanischen Geräte äußerlich sein mögen, so haarsträubend ist meist der innere Aufbau. Besonders in den großen Geräten wurden hemmungslos riesige Kabelstränge kreuz und quer durch die Geräte verlegt, meist nicht mit Steckern versehen, sondern mit den Platinen verlötet. Manche Platinen sind hinter den vielen Kabeln kaum zu sehen, geschweige denn kann man daran vernünftig arbeiten. Oft dauert es länger, sich bis zu einer Platine "vorzuarbeiten", als die darauf befindlichen Bauteile auszutauschen.
Dies führt dazu, dass eine Generalüberholung bei den großen japanischen Geräten deutlich länger dauert als bei einer Revox.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 03.10.20

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